Vorglühen
Ungefähr einen Meter Anlauf nehmen, und dann voll drauf dreschen, auf den Fußball. G. steht im Tor. Und wie er mir Jahre später erzählt hatte, wurde sogar ein Vereinsmitglied der Stuttgarter Kickers auf mich aufmerksam, doch diesem gegenüber wiegelte er ab. Nicht, dass ich Fußball damals für das Non-plus-ultra hielt, doch ich brauchte die Aufmerksamkeit, und er gab sie mir.
Nun, das war der Beginn einer, tja, langen Geschichte, die hier in meine Geschichte intensivst mit hineinspielt, doch natürlich fängt diese viel früher an. Würde ich ernsthaft scherzen, dann wäre dies vor vier Milliarden Jahren ungefähr so gewesen mit dem Beginn. Ich bleibe beim scherzhaften Ernst, und beginne vage 1945.
Es gäbe so viel zu erzählen, und davor, noch so viel anzuhören … doch der Zug scheint abgefahren. Meine Großmutter H. lebt zwar noch, aber sie wird es wahrscheinlich nicht mehr leisten wollen, und auch nicht mehr können. Wer will es ihr etwa übel nehmen, ihr, im Frühling 1931 geboren.
Die Zeit muss noch recht angenehm gewesen sein, eh klar, wenn man sich mit den Jahreszahlen und den geografischen Verhältnissen vage vertraut gemacht hat. Zudem sickerte im Laufe der Zeit auch tröpfchenweise, hier und da, ab und an mal eine Geschichte durch: Dieser ältere Mann, den ich bei einem Spaziergang überholte, welcher seiner Begleitung erzählte, dass damals, in Ostpreußen, die Welt in Ordnung war. Oder die Reportage über „Ostpreußens ruininenhafte Schlösser“, welche offenbarte, dass dies unter anderem eine satte Kornkammer für den Rest des Kontinents gewesen war. Tja, und dann? Diese Katastrophe Drittes Reich grassierte, und ich sage es nicht gern, aber glücklicherweise kam dann „Der Russ“. Leider, natürlich irgendwie schon leider. Was soll ich sagen? Ich, wie Millionen andere, die nicht geboren worden wären. Was sollen wir denn sagen? Aber war es das wert? Darum geht es nicht, okay. Merke: Du übernimmst Altlasten. Na gut.
Zurück zu H. und ihren Geschwistern. Geflüchtet sind sie natürlich, und das über den halben Kontinent, hunderte Kilometer übers Land. Was für ein Drama. Tot gestellt, und im Graben neben der Straße geschlafen. Federbetten auf Handkarren, übers Land mitgeschleppt; Geschwister, kaum im Schulalter, nebenbei noch aufgezogen und durchgefüttert. Was muss das unbedingt für ein Chaos gewesen sein?
Sie hatte mir nicht viel erzählt gehabt. Sie ist eine sehr empfindsame und sehr intelligente Frau, und sie wusste in den letzten Jahrzehnten nicht viel von mir, doch sie spürte, sie sah, bei mir war es auch beziehungsweise nahezu bodenlos ungünstig gelaufen. Diese Formulierung ist natürlich irreführend, so wie ich sie kenne, meint sie, ich hätte mich nicht genug zusammengerissen. Das kann ich ihr nicht übel nehmen. Aber hart zu ertragen, ist es dann natürlich schon.
Wurde Sie vergewaltigt? Keine Ahnung. Wurde sie geschlagen? Aber sicher. Geschunden, wurden sie und die ihren da, wie sie erzählte. Doch es nahm eine gute Fortsetzung. Früh erkannte sie die Zeichen des politischen Wandels im Osten Deutschlands, und nahm abermals Anlauf, ihren mittlerweile angetrauten Ehemann, samt dreier Töchter, und verdrückte sich nach Niederbayern.
Dass ich meinen Großvater H. nicht schon früher erwähnt hatte, und ihn quasi erst so direkt nebensächlich erwähne, liegt an seinem zu Lebzeiten ausgedrückten Temperament: ruhig, amüsant, fleißig. Zeit seines Berufslebens bei einem der bayerischen Autohersteller ist er sehr früh aufgestanden, in die Fabrik mit dem Bus, früh nach Hause, wiederum früh ins Bett; zwischendurch Haus und Garten pflegen, und ein solides Leben führen. Sagt sich so dahin, vor meinem geistigen Ohr, „solide“… doch, um ehrlich zu sein, kannte ich ihn kaum. „Da ist ein großer Fluss, und auf der einen Seite steht ein kleiner Affe. Also, wie kommt der Affe auf die andere Seite? …. Weißt du nicht? Na, wenn du großer Affe das nicht weißt, wie soll dann der kleine Affe das wissen?“ – sein Lieblingswitz.
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Im Schwimmbad, so meinte er einmal zu mir, hätte er meine Mutter angesprochen. Sehr interessant im Grunde, wie ich jetzt finde, denn zu verstecken gibt es da tasächlich wenig. Merke: Du überinterpretierst. Na gut. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Jedenfalls schien er seitdem, bis zum Ableben meiner Mutter R.G. im Januar 1995, zu ihrem Leben zu gehören, und bis letztes Jahr dann auch zu meinem. Manche Dinge schleichen sich so ein, in den Alltag, und man merkt es nicht, wenn man nicht „bewusst lebt“.
Doktor M. K. sagte das, während der Behandlung in seiner Praxis in Balingen einmal zu mir, als Antwort auf die Frage von mir, was man dagegen tun kann? Er stellte fest, dass meine Lebensenergie fast aufgebraucht sei. Ich war ungefähr zwanzig Jahre alt, jung zwar noch, aber mitnichten verwundert. Neugierig, jedoch, und ich wollte es genau wissen. Na, bewusst leben, meine ich. Ich bohrte bei ihm nicht weiter nach, sondern entschied mich dafür, das für mich, in meinem Leben, selbst herauszufinden.
Es ist natürlich schwierig, ein Buch über ein, mein Leben zu schreiben, und darauf zu verzichten, diverse Anklageschriften zu verlesen, insbesondere, wenn es um Menschen geht, die an einer psychiatrischen Störung leiden. Doch du wirst vielleicht verstehen, wenn ich dir sage, dass dies schon einen bitteren Nachgeschmack hatte, als ich nach fünfundvierzig Jahren feststellte und begriff, mit wem ich da über diesen Zeitraum hinweg nahezu unentwegt gerungen hatte.
Meine Mutter hatte das vielleicht unbewusst geahnt – so zumindest deute ich ihren Gesichtsausdruck auf einer der Fotografien, die G. von ihr in Stuttgart, innerhalb der ersten gemeinsamen Jahre, geschossen hatte. [Foto]
Tja, Ahnung, weites Feld, und unterschätzt, wie ich finde. Die meisten werden sich daran, an ihrem Gefühl orientieren. Die paar hunderttausend Leute, die nicht, und die sich dadurch womöglich ebenfalls in einer Angstststörung wiederfinden oder wiedergefunden haben, können wahrscheinlich deutliche Worte finden, wie bewusst man Ahnungen in sein oder ihr Leben integrieren sollte.
Ja, Doktor M. K. war es dann auch gewesen, der zu mir meinte, „Hm, Darmkrebs, man gehe davon aus, dass dieser psychisch bedingt sei.“ Das war natürlich auch ein hilfreicher Tipp.
Es ist natürlich jenseits von Gut und Böse, dies nachträglich zu beurteilen, und dazu noch ein quasi fremdes Leben betreffend. Nachkriegskinder, die einen oder mehrere fluchtartige Umzüge erdulden mussten, oder auch angezettelt hatten, wenngleich auch eventuell aus der Not heraus, die zwar lebten, was das Zeug hält, und was die Zeit her gab, mussten sich schon umschauen, vermute ich. Geredet wurde auch bei uns daheim über solche Geschichten oder Ereignisse, wie Abtreibung oder Totgeburt, Ahnungen über Wesenszüge von angeheirateten Familienmitgliedern, nicht, …. schade natürlich, aber war das nicht auch der Plan?
G.s Plan? Gottes Plan? Teufels Plan? Oder nur Schicksal? Oder eben Bestandteil evolutionären Verhaltens und noch nicht auf dessen To-Do-Liste?
Es bleibt ein offenes Geheimnis. Verstorbene nehmen diese Dinge mit ins Grab, und findige Nachfahren buddeln darin und darum herum – wenn auch nur intellektuell.
Tatsächlich war es mein Vater H., welcher mir von der Abtreibung erzählte. Er hatte ein gutes Herz. Zu erkennen ist das unter anderem daran, dass er mir zwar erzählte, dass er meine Mutter zum Abtreiben eines Kindes nach Wien gefahren hatte – Mitte Ende der 1970er war das -, er verschwieg aber, dass dies ein Nachkomme, höchstwahrscheinlich eines sogenannten Fehltrittes geworden wäre. Meine jüngste Halbschwester L.-M. N. erzählte mir bei einem Chat einmal, dass unsere Mutter angeblich damals einmal fremd gegangen sei. Leben, was das Zeug hält – und die Zeit hergibt. Go for it, ha ha hüstel.
Ich bin mir nicht ganz sicher, aber da scheine ich etwas von ihr geerbt zu haben. Nun kann man natürlich sagen, ah, was für eine schöne Ausrede, nahezu euphemistisch … aber tatsächlich stimmt es schon, dass die letzte Entscheidung natürlich bei mir lag. Und dies fiel oft gegen die Beziehung, in der das „Subjekt meiner Begierde“ gerade steckte beziehungsweise diese spielte bei meinem Entscheidungsprozess – Sex? Ja oder nein – eine untergeordnete Rolle. Ich fügte mich gerne. Wem? Dem Schicksal? Meinem Sexualtrieb? Ja.
Schön, dass ich das auch noch nach all der Zeit erkennen durfte. Eine prickelnde Gemeinsamkeit, wenn diese denn zutrifft.
Drei Jahrzehnte plus ein Jahr ist sie nun tot. Ich verbrachte jenes Wochenende, Anfang Januar 19954, weitestgehend auf vier rädern und auf der Straße, ich besuchte einen Schulfreund im Allgäu. Zum Widerwillen von G., und zum Kummer von ihr natürlich bestimmmt auch, da ich davon überzeugt bin – nach wie vor der Aussage – dass sie eine Ahnung hatte, dass es mit ihr zusehends gesundheitlich bergab ging. Ob sie ihr Ableben direkt vor Augen hatte, und dies kommen sah, kann ich natürlich nicht sagen – wie auch -, doch vor meinem geistigen Auge kann ich heute noch sehen, wie ich in der Küche in Owingen an der Arbeitsplatte lehne, und sie im bequemen Campingstuhl sitzt, und wir uns in die Augn blicken und betreten – oder wohl wissend – … ahnend, schweigen. Direkt nach ihrem Tod, fing ich an diesen Moment als stillen Abschied in mir zu verankern. Und wirklich, dieser Moment hatte mich all die Jahre, die Jahrzehnte immer wieder getröstet.
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Die Zeit in Stuttgart-Degerloch ist natürlich nun etwas vage in meiner Erinnerung; sie liegt nun auch ungefähr fünfundvierzig Jahre zurück. Doch manchmal erscheinen mir selbst Erinnerungen aus dieser Zeit mitunter sehr nah, zumindest wenn ich sie vor meinem geistigen Auge oder Ohr habe. Meine Erinnerungen bestehen größtenteils aus Bildern, vergleichbar mit Standbildern aus Videos, und Geräuschen oder Tonfetzen, wie einzelnen, meist kürzeren Sätzen. Wobei ich diese nicht direkt höre. Anders verhält sich das in Situationen, wenn ich glaube – oder davon ausgehe – dass ich dann Gott oder den Teufel höre. Gefühlt hatte ich da schon auch eine Unterhaltung – mit Gott. Schon gut, schon gut, ich weiß – oder ich kann mir das zumindest vorstellen – wie sich das lesen muss: So eine Mischung aus Wahnsinn und Größenwahn. Frei nach dem Motto, ha, Gott spricht zu mir.
Tatsächlich glaube ich, Gott spricht zu uns allen, wir hören es nur nicht, oder vielmehr deuten wir es falsch. Das ist nun kein Wissen, sondern vielmehr natürlich eine Theorie. Doch diese innere Stimme in uns, dieses gute oder auch öfter mal schlechte Gefühl in der Magengegend, könnte durch aus als Kommunikation mit oder durch Gott ausgelegt werden. Aber ich lege mich da nicht fest. Das soll jede oder jeder – und alle dazwischen – für sich selbst heraus finden – eh klar.
Danke übrigens dafür, dass du weiter liest. Manche legen nun das Buch vielleicht weg. Na, die Frage ist halt, aus welcher Ecke man kommt, nicht wahr? Ein paar Familienmitglieder – aus der Familie mütterlicherseits sogar beide Tanten T. und B., deren Kinder M., M., und E. und auch ein Großonkel H. und seine Frau D., samt Kindern H., H. und K., – von uns, sind Zeugen Jehovas. Meine Mutter stand diesen auch sehr nahe, wurde aber wohl aufgrund der Tatsache, dass sie gelegentlich rauchte, nicht vollständig akzeptiert, sondern war vermutlich nur toleriert worden, quasi als Anwärterin. So jedenfalls erlebte ich diese verwaschene Truppe aus nächster Nähe in meiner Kindheit, was heißt, ich wohnte gelegentlich sogenannten Versammlungen (so werden deren Zusammenkünfte zum Ausleben und Praktizieren des Glaubens genannt) bei, und war mit den Kinderbüchern der Organisation oder vielmehr Sekte vertraut. Es ist schon ein sonderbarer Haufen, so viel ist sicher, und es ist gut, dass der Weg damals nicht weiter ging. Tatsächlich merkte ich deren Einfluss noch Jahrzehnte später, so beispielsweise während der Auseinandersetzung mit dem Thema der Organspende. Zeugen Jehovas lehnen diese strikt ab – das war auch der Grund für das mehr oder weniger jähe Ableben meiner Mutter, sie wollte keine fremde Leber in ihrem Körper -, und wirklich, ich hatte bei der Entscheidung für die Organspendenbereitschaft einen längeren Prozess zu bewältigen, da ich zunächst nicht wollte, in mir also den Konflikt hatte, dass ich wusste, es muss sein, doch mich beim ersten Ausweis, welchen ich da bei mir trug, gegen eine Organspendenbereitschaft entschieden hatte. Na, das war was.
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